Der Fall Deutsche Bank

by Matrixhacker


Posted on October 17, 2016 at 09:25 AM



Unsicherheit steigt. Chancen nutzen.

16. Oktober 2016 | Quelle: Rott & Meyer

von Prof. Thorsten Polleit



Zusammenfassung:

Weltweit stieg die Verschuldung in 2015 auf 152 Billionen US-Dollar. Das waren 225 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes.

Die hohe Verschuldung erhöht den Druck auf die Zentralbanken, die Zinsen niedrig zu halten und die Geldmengen immer weiter auszudehnen.

Die Zinsen werden vermutlich nach Abzug der Inflation weiterhin sehr niedrig beziehungsweise negativ bleiben.

Die Unsicherheit über die Zukunft des EU-Projektes und der angeschlagene Euro-Bankenapparat machen den Euro besonders verwundbar.

Anleger aus dem Euroraum sollten ihr Portfolio langfristig ausrichten: Gold halten, in Aktien investieren und Euro-Schuldpapiere meiden.

Die Unsicherheit, die sich aus dem internationalen wirtschaftlichen und politischen Umfeld für Kapitalmarktanleger ergibt, steigt. Zwar sind derzeit keine unmittelbaren und offensichtlichen Rezessionsgefahren für die Weltwirtschaft zu erkennen. Jedoch gibt es eine Vielzahl von Entwicklungen, die die Aussichten für das Wirtschaftswachstum eintrüben und die noch für erhebliche Turbulenzen auf den Finanz- und Rohstoffmärkten sorgen können. Im Folgenden sei auf einige von ihnen hingewiesen.

Extrem expansive Geldpolitik.

Die Zentralbanken haben seit geraumer Zeit die Geldschleusen geöffnet. Die Geldmengen wachsen deutlich stärker als die Wirtschaftsleistung. Die Zinsen befinden sich nach wie vor nahe Rekordtiefständen. Das treibt nicht nur die Konjunkturen an, es bläht vor allem auch die Preise auf den Bestandsgütermärkten – also die Preise für Aktien, Grundstücke, Häuser etc. – künstlich auf. Halten die Zentralbanken an diesem Kurs fest, wird die Preisinflation irgendwann aus dem Ruder laufen; beenden sie die expansive Geldpolitik vorzeitig, droht den Wirtschaften und Finanzmärkten der Einbruch.

Schulden haben Rekordhoch erreicht.

Seit der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 sind die Schulden weltweit stark gestiegen und haben mittlerweile eine Rekordhöhe erreicht: In 2015 erreichte die Verschuldung 152 Billionen US-Dollar. Das waren 225 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes. Wie konnte das geschehen? Das Problem der hohen Schuldenlasten wurde „bekämpft“, indem noch mehr Schulden gemacht wurden. Das war insbesondere deswegen möglich, weil die Zentralbanken die Zinsen extrem stark abgesenkt haben. Finanziell überdehnte Schuldner konnten so nicht nur ihre Altkredite mit neuen Krediten refinanzieren, die einen niedrigeren Zins trugen. Die extrem niedrigen Zinskosten haben viele Kreditnehmer auch ermuntert, noch mehr Schulden zu machen. Die weiter anwachsenden Schulden machen die Volkswirtschaften in wachsendem Maße abhängig von einer Fortführung der Politik der niedrigen Zinsen und der Geldmengenvermehrung.

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Zukunft der EU ungewiss

Die Entscheidung der Briten qm 23. Juni 2016 aus der Europäischen Union (EU) auszuscheiden („Brexit“), stellt das gesamte EU-Projekt in seiner bisherigen Ausrichtung in Frage. Am 7. Oktober vollzog auch noch der Präsident der EU-Kommission, Jean Claude Juncker, bei einer Konferenz aus Anlass des 20. Geburtstages der Stiftung von Jacques Delors in Paris ein überraschende Kehrtwende: „Wir müssen die Vereinigten Staaten von Europa vergessen“, so Juncker. Bewahrheiten sich diese Worte, so wäre das ein fundamentaler Kurswechsel. Damit wäre die bisherige Geschäftsgrundlage des Euro entzogen, und das hätte vor allem auch negative Rückwirkungen auf die Euro-Banken.

Euro-Bankenkrise ist zurück.

Die Aussichten, dass das EU-Projekt nicht länger auf Vereinheitlichung und Zentralisation hinarbeitet, sondern dass es möglicherweise rückabgewickelt wird, ist für die ohnehin angeschlagenen Euro-Banken ein großes Problem. Denn politisch wird es zusehends schwerer werden, innerhalb der Staatengemeinschaft Zustimmung für neue und teure „Banken-Rettungspakete“ zu finden. Das erhöht die Verwundbarkeit der Euro-Banken und macht sie in noch stärkerem Maße abhängig von den Finanzspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB). Mit anderen Worten: Will man die Euro-Banken vor dem Zusammenbruch bewahren, wird das einen noch stärkeren Einsatz der elektronischen Notenpresse erforderlich machen.

Wachsende Zweifel am Freihandel.

In vielen Ländern äußern Menschen mittlerweile Zweifel oder gar Ablehnung am Freihandel. Protektionistische Maßnahmen sind wieder salonfähig geworden. Damit fällt der wohl wichtigste Wachstumstreiber für die Weltwirtschaft – und das ist die internationale Arbeitsteilung und das grenzüberschreitende Investieren – in Ungnade. Doch nicht nur die materielle Prosperität würde durch eine Einschränkung des freien Handels beeinträchtigt. Auch die Wahrscheinlichkeit für neuerliche politische Konfliktpotenziale nimmt dann zu – weil eben auch die friedenstiftende Wirkung des Freihandels verloren geht.

Unklarheit über Amerikas Rolle in der Welt.

Der Ausgang der US-Präsidentenwahl am 8. November dürfte für die Finanzmärkte ebenfalls ein bedeutsames Ereignis sein, zumindest kurzfristig. Fällt die Wahl auf Hillary D. Clinton, würde das aus Sicht der internationalen Finanzmarktakteure vermutlich als Kontinuität der bisherigen US-Wirtschafts- und -Außenpolitik gesehen werden. Fällt die Wahl hingegen auf Donald J. Trump, könnte es zu mitunter erheblichen wirtschafts- und außenpolitischen Veränderungen kommen. Das würde nicht nur das amerikanische Verhältnis zu China, sondern vor allem auch die aktuelle Konfrontation mit Russland und dem Krieg in Syrien betreffen.

Konfrontation mit Russland, Krieg in Syrien.

Unter Clinton ist keine Änderung im Vorgehen der Amerikaner zu erwarten. Eine Eskalation der Konfrontation mit Russland und der kriegerischen Auseinandersetzung in Syrien und anderen Ländern in Nahost wäre nicht von der Hand zu weisen. Unter Trump, der vermutlich für eine weniger militärisch-expansive, eher isolationistische US-Außenpolitik vertreten würde, wäre eine Entschärfung der Konfliktherde eher wahrscheinlich. Sollte sich Amerika unter Trump weltmachtpolitisch zurückziehen, käme es zu einer Neuausrichtung der weltweiten Sicherheitsbalance – was vermutlich in vielen Regionen der Welt nicht konfliktfrei ablaufen würde.

Niedrige Zinsen, noch mehr Geld

Das weltweite Banken- und Finanzsystem ist unter den hohen Schulden zusehends krisenanfällig geworden. Aus diesem Grund sind zunehmende wirtschaftliche und politische Unsicherheiten besonders heikel. Der Druck auf die Zentralbanken steigt nämlich, Abschwunggefahren und drohende Preiseinbrüche auf den Finanzmärkten mittels niedriger Zinsen und dem Anwerfen der elektronischen Notenpresse abzuwenden. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Politik der Niedrigzinsen (in nominaler und realer Rechnung) und der Geldmengenvermehrung fortgeführt wird, ist sehr hoch.

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Der Grund, dass die deutschen Zinsen seit einiger Zeit auf oder sogar unter der Nulllinie liegen, ist nicht etwa der, dass zu viel gespart und zu wenig investiert wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist vielmehr dafür maßgeblich verantwortlich. Zum einen hat sie Kurzfristzinsen in den Negativbereich gesenkt, und das zieht auch alle übrigen Zinsen auf beziehungsweise unter die Nulllinie. Zum anderen verstärkt sie diesen Effekt durch ihre Anleihekäufe. Die EZB treibt die Anleihekurse in die Höhe, und entsprechend sinken die Renditen ab.

In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass das ungedeckte Papiergeldsystem grundsätzlich inflationär ist. Die Inflation, für die es sorgt, zeigt sich aber nicht nur in den Konsumentenpreisen, sondern auch in den Preisen für zum Beispiel Aktien und Häuser. Und diese Inflation ist üblicherweise höher als die offizielle Konsumentenpreisinflation. Das fortlaufende Inflationieren ist kein Zufall: Ohne Inflation (im Sinne einer Geldmengenausweitung) lässt sich das ungedeckte Papiergeldsystem und die Konjunktur, für die es sorgt, nicht in Gang halten.

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Inflation verlangt nach immer mehr Inflation. So verwundert es nicht, dass es Empfehlungen gibt, die Zentralbanken sollten doch die Inflation weiter in die Höhe befördern. So lautet die Botschaft eines Papiers, das der Präsident der Federal Reserve Bank of San Francisco, John C. Williams (er wird als einflussreicher Protegé von Fed-Chefin Janet L. Yellen gesehen) am 15. August 2016 veröffentlicht hat. Dahinter verbirgt sich die Überlegung, dass eine „etwas“ höhere Inflation vorteilhaft für die Volkswirtschaft sei. Aber das ist natürlich ein Trugschluss.

Jede ungedeckte Papierwährung unterliegt der Gefahr, durch Inflation entwertet zu werden; der Euro ist keine Ausnahme. Als Monopolisten der Geldproduktion könnten die Zentralbanken, wenn es politisch gewünscht ist, die Geldmenge im Grunde jederzeit und in jeder gewünschten Menge ausweiten. Beim Euro kommt jedoch noch erschwerend hinzu, dass er – anders als der US-Dollar oder der japanische Yen – neben dem Inflationsrisiko zusätzlich auch noch das Risiko eines Auseinander- beziehungsweise Zusammenbrechens trägt. Damit ist der Euro gewissermaßen risikoreicher als die anderen großen Währungen.

Was Anleger überdenken sollten

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage für den Anleger: Was ist zu tun? Nun, jeder sollte sich zunächst einmal Klarheit darüber verschaffen, ob er spekulieren oder investieren will. Was damit gemeint ist, soll ein Beispiel erläutern.
Vermutlich erwarten viele, dass ein Wahlsieg von Clinton für Aktien und den US-Dollar „positiv“, ein Wahlsieg von Trump hingegen „negativ“ sein wird. Würde es da nicht Sinn machen, jetzt Aktien und Dollar zu kaufen, wenn man meint, Clinton gewinnt die Wahl? Nun, ganz so einfach ist die Sache nicht.

Der US-Dollar-Wechselkurs beispielsweise bildet sich aufgrund von Erwartungen, und in letztere geht auch der amerikanische Wahlausgang ein. Allerdings lässt sich nicht sagen, welche Erwartung dem Dollarkurs zu einem bestimmten Zeitpunkt zugrunde liegt. Herrscht beispielsweise die Erwartung vor, dass Trump US-Präsident wird, käme es zu keiner Kursbewegung beim Dollar, sollte Trumps gewinnen. Anders in dem Fall, in dem es eine Überraschung gibt: Erwarten die Märkte, dass Trump gewinnt, fällt aber die Wahl auf Clinton, dann wäre mitunter mit starken Kursbewegungen zu rechnen.

Mit anderen Worten: In diesem Beispiel spekuliert der Anleger. Damit er einen Gewinn erzielt, muss (a) das erwartete Ereignis tatsächlich eintreten und (b) der heutige US-Dollar-Kurs darf den vom Anleger erwarteten Wahlausgang beim Kaufzeitpunkt nicht (vollständig) widerspiegeln. Der Anleger muss also zweimal richtig liegen, um erfolgreich zu sein! Keine leichte Aufgabe also.

Anders stehen die Dinge beim Investieren: Man kauft etwas, das einem künftige Einzahlungen in Aussicht stellt – wie zum Beispiel festverzinsliche Papiere oder Aktien. Der Kauf von festverzinslichen Papieren macht jedoch keinen Sinn mehr: Die Zinsen liegen auf oder gar unter der Nulllinie. Zudem ist die Inflation positiv, und das lässt die Rendite nach Abzug der Inflation negativ werden.

Einzahlungen und damit eine positive Rendite nach Inflation lassen sich grundsätzlich dadurch erzielen, dass man in Produktivkapital wie zum Beispiel Aktien investiert: Erfolgreiche Unternehmen erzielen Gewinne, und sie sind in der Lage, den Gewinn pro Aktie zu steigern. Dadurch steigt letztlich auch der Aktienkurs im Zeitablauf an. Entscheidend ist nun jedoch, die Aktien solcher Unternehmen nur dann zu kaufen, wenn ihr Wert über ihren Preis liegt. Was ist damit gemeint? Der Wert einer Aktie ist der Barwert aller künftigen Zahlungen, die ein Unternehmen erzielt. Der Preis ist der Aktienkurs an der Börse. Liegt der Wert der Aktie über ihrem Preis, lohnt sich der Kauf. Liegt der Wert unter dem Aktienkurs, ist die Aktie zu teuer. Beim Investieren steht nicht im Vordergrund, das Eintreten bestimmter Einzelereignisse (wie zum Beispiel den Ausgang der US-Präsidentenwahl) zeitlich genau vorherzusagen. Vielmehr geht es darum abzuschätzen, ob das Unternehmen mit seinem Geschäftsmodell langfristig in der Lage ist, erfolgreich zu sein, seinen Gewinn pro Aktie im Zeitablauf zu steigern.

Vermutlich wird nicht jeder Anleger die Zeit haben, sich so intensiv mit den Unternehmen zu befassen, dass er ihren Wert bestimmen kann. Wer aber investieren statt spekulieren will und das „Preis versus Wert“-Prinzip als richtig erkennt, für den bietet es sich an, mit „Value Investoren“ zusammenzuarbeiten. Sie beschäftigen sich eingehend mit der Bewertung von Unternehmen und haben daher auch die besten Voraussetzungen, langfristig positive reale Renditen erzielen zu können – auch in Zeiten, in denen abenteuerliche Zins- und Geldentwertungsexperimente der Zentralbanken an Fahrt gewinnen.

Die Goldkomponente

Das Halten von Gold im Vermögensportfolio ist aus mindestens zwei Gründen sinnvoll. Erstens: In langer Frist gesehen, ist Gold die „härteste Währung“. Anders als das ungedeckte Papiergeld kann die Kaufkraft des Goldes nicht durch die politische Willkür von Staaten und Zentralbanken herabgesetzt werden. Das Gold ist zudem eine Währung, die an Attraktivität gewinnt, wenn die Zinsen fallen, vor allem aber negativ sind (in nominaler wie natürlich auch in realer Rechnung, das heißt, nach Abzug der Inflation).

Zweitens: Das Gold lässt sich auch als Versicherung für das Portfolio betrachten. In krisenhaften Marktphasen steigt der Preis des Goldes sehr häufig an. Der Grund: Gold wird als „sicherer Hafen“ angesehen. Und steigt der Goldpreis, so wirkt das quasi wie eine Versicherung für den Vermögenshalter. Ist der Goldpreis in einer Krisenphase beispielsweise stark angestiegen, lässt es sich zum erhöhten Preis (mit Gewinn) verkaufen, und mit dem Erlös lassen sich dann attraktive Vermögensgüter zu günstigen Preisen kaufen.

Der obigen Schätzung zufolge müsste der Goldpreis aktuell bei etwa 1.410 USD/oz stehen (siehe die obere Grafik in der linken Spalte). Gold ist so gesehen derzeit eher als „billig“ einzustufen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass der Goldpreis sofort und unmittelbar ansteigen wird. Es heißt vielmehr, dass der Goldkauf beim aktuellen Niveau für Anleger, die eine langfristige Orientierung haben, attraktiv ist. Angesichts der eingangs aufgeführten Unsicherheiten – wie insbesondere die Probleme im internationalen Geldsystem – scheint uns dies eine vorsichtige Einschätzung zu sein.

Denn wir Menschen handeln unter Unsicherheit: Es ist für uns unmöglich, alle künftigen Ereignisse (geschweige denn ihre Eintrittswahrscheinlichkeiten) aus heutiger Sicht abzusehen. Eine Form des Investierens, die seit Jahrzehnten funktioniert, ist daher, mit einer Langfristorientierung auf die produktiven Kräfte der Volkswirtschaften zu setzen – und das heißt in Unternehmen beziehungsweise deren Aktien zu investieren. Um das Portfolio gegen die Marktturbulenzen und den Kaufkraftverfall des ungedeckten Geldes zu versichern, bietet es sich an, die Währung Gold in der Kasse zu halten. Euro-Schuldpapiere und -Bankeinlagen sollte man hingegen meiden.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH


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