Die Khasaren

by Amalé Kiter


Posted on November 16, 2017 at 02:28 PM


Khasaren

Kurze Einführung in die Geschichte der Khasaren

Die Khasaren (Türk., etwa „Vagabunden“, auch Chasaren, heb. Kuzarim ‫ים‬ ‫זר‬ ‫ו‬ ‫;כ‬ türk. Hazarlar; griech. Χάζαροι;russ. Хазары; tatar. Xäzärlär; persisch ‫خخخ‬ ; lat. Gazari oder Cosri) waren ein ursprünglich nomadischer und später halbnomadischer turk-altaischer Völkerverband aus der eurasischen Steppe. Sie sind mit den Hunnen, Uiguren und Magyaren verwandt. Im 1. Jahrhundert n.Chr., wurden die Khasaren im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen mit anderen asiatischen Völkern, nach Westen verdrängt und zogen über den Landweg zwischen dem nördlichen Ende des Kaspischen Meeres und dem südlichen Ende des Uralgebirges bis in das Gebiet des heutigen Kasachstan bis ans Schwarze Meer.

Die Khasaren waren ursprünglich ein heidnisches Volk. Wie andere Steppenvölker hingen sie der alttürkisch mongolischen Religion an, die den Himmelsgottes Tengri verehrte, symbolisiert durch die Sonne. (Heute wieder Zentralsymbol der „Pyramide des Friedens“ in der khasachischen Hauptstadt Astana.) Ihm opferte man das wichtigste Tier der Reiternomaden, das Pferd.

Das erste geschichtsrelevante Auftreten der Khasaren ist durch ihre Hilfeleistung für den Kriegszug des byzantinischen Kaisers Herakleios gegen die Sassaniden 628-630 n.Chr. bezeugt. Der Khasarenherrscher Siebel (manchmal „Tong Yabghu Khagan der Westtürken“ genannt) half den Byzantinern bei der Eroberung Georgiens. Die Khasaren wurden wichtige Bundesgenossen des Byzantinischen Reiches gegen das Sassanidenreich (Perser) und die arabischen Kalifate.

In dieser Zeit setzten sie sich an der unteren Wolga fest und gaben ihre nomadische Lebensweise weitgehend auf, denn sie entdeckten eine lukrativere wirtschaftliche Grundlage ihrer Existenz: den Handel mit Pelzen.

Felle von Raubtieren wie Zobel, Nerz, Blaufuchs oder Hermelin waren seit Langem begehrte Handelsgüter. Sie boten außergewöhnlichen Schutz vor Kälte und ihre Seltenheit machte sie zu idealen Objekten aristokratischer Repräsentation. Je tiefer die Temperaturen im Winter, desto dichter die Pelze. Die gab es vor allem im nördlichen Flussnetz der Wolga, das weit in den Norden und Osten Russlands reicht. Außerdem erwies sich der lange Flusslauf als idealer Handelsweg nach Süden, zu den Abnehmern in den Großreichen zwischen Iran und Mittelmeer. Pelze waren zudem leicht zu transportieren, sodass sie in manchen Gebieten als regelrechte Währung gebraucht wurden. Moderne Historiker haben errechnet, dass pro Jahr etwa eine halbe Million Tierfelle ihren Weg aus dem Norden durch die Steppe nach Süden fanden.

Im 7. Jahrhundert gründeten die Khasaren ein unabhängiges Khaganat (auch Khanat) im nördlichen Kaukasus an der Küste des Kaspischen Meeres. Die khasarische Königswürde verteilte sich auf den Khagan und den Bek oder Khagan Bek. Zeitgenössischen arabischen Historikern zufolge war der Khagan religiös-spirituelles Oberhaupt bzw. hatte ein repräsentatives Amt mit begrenzten Vollmachten inne, während der Bek für Verwaltungs- und Militärangelegenheiten verantwortlich war.


Strategische Position und Geschichte

Bis zum 9. Jahrhundert konnten die Khasaren ihre Vormachtstellung in den Regionen nördlich des Schwarzen Meeres und den angrenzenden Steppen und Waldregionen des Dnjepr ausbauen. Ihr Reich erstreckte über die gesamte südrussische Steppe zwischen Wolga und Dnjepr bis an den Kaukasus. Es umfasste die heutigen Gebiete von Georgien und Armenien. Die nördliche Grenze befand sich nordöstlich des späteren Moskau am Oberlauf der Wolga.

Das Khasarenreich war auf dem Höhepunkt seiner Macht mindestens dreimal so groß wie das Frankenreich Mitteleuropas zur gleichen Zeit. Über Jahrhunderte kontrollierten die Khasaren den Handel mit Pelzen, Sklaven, Pferden, Wachs, Gewürzen und Seide auf Teilen der damals wie heute strategisch begehrten Seidenstraße und auf den Handelswegen zwischen Konstantinopel und dem Baltikum. Weitreichende Handelsbeziehungen unterhielten sie zudem nach Westen über das Frankenreich bis ins Kalifat von Córdoba. Durch ihren Fernhandel wurden sie eine bedeutende Regionalmacht und kontrollierten in ihrer Blüte weite Teile des heutigen Südrusslands, den Westen des späteren Kasachstans, die Ostukraine, Teile des Kaukasus sowie die Halbinsel Krim.

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Die den Süden Osteuropas dominierenden Khasaren stellten während anderthalb Jahrhunderten ein mächtiges Bollwerk dar, da sie das Einfallstor von Asien nach Europa zwischen Ural und Kaspischem Meer blockierten. Während dieser Periode hielten sie den Ansturm der nomadischen Stämme aus dem Osten und der Araber aus dem Süden ab. Das Reich der Khasaren nahm zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer eine strategische Schlüsselposition ein, da sich dort die Großmächte der damaligen Zeit (wie übrigens auch der heutigen) gegenüberstanden. Es wirkte wie ein Puffer und schützte Byzanz vor den Invasionen der Reitervölker der nördlichen Steppen und später vor den Wikingern und den Russen. Bedeutender, vom Standpunkt der byzantinischen Diplomatie und der europäischen Geschichte aus, ist die Tatsache, dass die khasarischen Armeen eine Eroberung Osteuropas durch islamische Völker verhinderten. Wenige Jahre nach dem Tod Mohammeds (632 n.Chr.) erreichten die Armeen des arabischen Kalifats den Kaukasus. War diese Barriere einmal überquert, so lag der Weg nach Osteuropa offen. Auf der Strecke zum Kaukasus trafen die Araber auf die Truppen einer organisierten khasarischen Militärmacht, die sie erfolgreich daran hinderte, ihre Eroberungen in dieser Richtung vorzutreiben. Die Kriege zwischen den Arabern und den Khasaren, welche mehr als hundert Jahre andauerten, sind, wenn auch kaum bekannt, von beträchtlicher geschichtlicher Bedeutung. Die Franken unter Karl Martell stoppten im Jahre 732 n.Chr. die arabische Invasion auf den Schlachtfeldern von Tours. Etwa zur selben Zeit war die Bedrohung im Osten von Europa kaum weniger akut. Die bis dahin siegreichen Araber trafen 731 n.Chr. auf die Truppen der Khasaren und wurden von diesen geschlagen. Obwohl die letzte Schlacht im Jahre 737 n.Chr. mit einer Niederlage der Khasaren endete, zogen sich die Araber aus der Region zurück, da das Kalifat durch interne Uneinigkeiten erschüttert wurde und die Truppen erschöpft waren.


Finkelstein

Auch danach blieben die Khasaren die Barrikade der europäischen Zivilisation im Osten. Der byzantinische Kaiser und Historiker Konstantin Porphyrogenitus (913 – 959 n.Chr.) war sich des strategischen Gewichts des Khasarenreiches bewusst, wenn er in seiner Abhandlung über das Hofprotokoll festhielt, dass an den Papst in Rom gerichtete Briefe, und gleichermaßen jene an den Kaiser des Westens, ein an ihnen befestigtes goldenes Siegel im Wert von zwei Solidi enthielten, während die an den Khagan der Khasaren gerichteten Botschaften mit einem goldenen Siegel im Wert von drei Solidi versehen waren. Zu dieser Zeit war der Herrscher der Khasaren aus der Sicht der kaiserlichen Außenpolitik von kaum geringerer Wichtigkeit als Karl der Große und seine Nachfolger.

Konfrontation und Kooperation zwischen dem Byzantinischen Reich und dem Khasarischen Reich lagen oft nahe beieinander, wie eine beim Historiker Theophanes überlieferte Geschichte zeigt: Als 695 n.Chr. der gestürzte byzantinische Kaiser Justinian II. nach Cherson auf der Krim floh, trat er, da ihm die Bewohner der Stadt kein Asyl gewähren wollten, in Verhandlungen mit dem Khagan. Der nahm ihn in seinem Reich auf und gab ihm seine Schwester zur Frau, die getauft wurde und den Namen Theodora erhielt. 704/705 n.Chr. wandte sich aber der amtierende Kaiser Tiberios II. an den Khagan und versprach reiche Geschenke, würde ihm Justinian lebend ausgeliefert oder doch zumindest dessen Kopf zugesandt werden. Als Justinian erkannte, dass sein Schwager gewillt war, das kaiserliche Angebot anzunehmen, floh er ins noch junge Reich der Donaubulgaren, mit deren Hilfe er den Thron in Konstantinopel zurückerobern konnte. Wieder an der Macht, trachtete er nun nach Rache und ließ eine Flotte gegen Cherson und die Krim vorrücken. Die Stadt aber suchte die Hilfe des Khagans, der einen mit dem alttürkischen Titel Tudun bezeichneten Repräsentanten nach Cherson entsandte. Am Ende schlug der Angriff des Kaisers nicht nur fehl, mit khasarischer Hilfe konnte der Feldherr Philippikos Bardanes sogar einen Putsch versuchen und 711 n.Chr. erfolgreich Justinian II., der diesmal sein Leben lassen mußte, vom Thron stoßen.

Die Beziehungen zwischen Khasaren und Byzanz blieben eng. Als die Khasaren im Jahr 730 n.Chr. den Arabern bei Ardabil im heutigen Nordwestiran erneut eine Niederlage beibrachten, erbat Kaiser Leon III. kurz darauf für seinen Sohn Konstantin (V.) eine Tochter des Khagans zur Frau, um die Bindung zwischen dem byzantinischen und dem khasarischen Herrscherhaus strategisch zu festigen, die 732/733 n.Chr. unter dem Taufnamen Eirene den Thronprinzen ehelichte und zur Mutter des Kaisers Leon IV. mit dem Beinamen „Leon der Khasar“ (775 – 780 n.Chr.) wurde.

Wie bereits erwähnt, erlitten im Jahre 737 n.Chr. die Khasaren gegen die arabischen Omayyaden unter Führung des späteren Kalifen Marwan ibn Muhammad eine schwere Niederlage; die muslimischen Truppen drangen weit über den Kaukasus in die khasarischen Kerngebiete vor und zwangen schließlich den Khagan und sein Gefolge zur Annahme des Islams. Diese Konversion blieb zwar Episode, doch verlagerten die Khagane um diese Zeit ihr Reichszentrum aus Daghestan an die untere Wolga, die die Khasaren als Itil („Großer Fluß“) bezeichneten und wo sich vorher schon die Winterweiden des Khagans befunden hatten. Dort entstand nun eine große Residenzstadt, die ebenfalls den Namen Itil erhielt.

Im Jahr 740 n.Chr. drohten die christlichen und muslimischen Mächte, die Khasarien umschlossen, mit einem vernichtenden Angriff, sollten die Khasaren sich nicht zu einer monotheistischen Religion bekehren. Doch wenn sie sich zum muslimischen Glauben bekehrten, riskierten sie Angriffe der Christen, und wenn sie sich zum christlichen Glauben bekannten, riskierten sie Angriffe der Moslems.

Um der Unterwerfung unter eine der beiden Religionen zu entgehen, bestellte Khagan Bulan je eine hochrangig besetzte Delegation aus dem Byzantinischen Reich und aus dem Abbasidenkalifat von Bagdad nach Itil, um in einem Disput die Frage zu beantworten, welche Religion die bessere sei, Christentum oder Islam. Als Dritte im Bunde meldeten sich jüdische Schriftgelehrte zu Wort. Dem siegreichen Gott würden sich die Khasaren unterwerfen und seine Religion annehmen. Die Christen unter Führung des späteren Slawenapostels Kyrill sollen erklärt haben, dass der Islam auf jeden Fall schlimmer sei als das Judentum. Bezogen auf das Christentum meinten die Muslime das gleiche. Daraus zog der Khagan nun seinen eigenen Schluss: Zweimal habe man zugegeben, dass die Religion der Israeliten besser sei. „Und deshalb entscheide ich mich im Vertrauen auf die Gnade Gottes und die Macht des Allmächtigen für die Religion Israels.

Dieser geschickte Schachzug war geeignet, die Christen als auch die Moslems zur Zurückhaltung zu nötigen, da beide bereits mit den Khasaren einträglichen Handel trieben.

Das Judentum soll erstmals durch den Heerführer Bulan (türk. für „Hirsch“) – der mit dem Sieg über die Araber bei Ardabil im Jahr 730 n.Chr. in Verbindung gebracht wird – im Khasarenreich Verbreitung gefunden haben. Tatsächlich existierten alte jüdische Gemeinden, über die sich der Glauben bei den Khasaren verbreiten konnte, sowohl in Georgien und Armenien als auch auf der Krim. Khagan Bulan und seine 4000 adeligen Lehnsherren wurden in der Folge durch Rabbis konvertiert und unterwiesen, die hierfür eigens aus Babylonien, wo seit über tausend Jahren ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens bestand, nach Khasarien gebracht wurden. (Das babylonisches Exil beginnt 597 v. Chr. mit der Eroberung Jerusalems und des Königreiches Juda durch den babylonischen König Nebukadnezar II. und dauert bis zur Eroberung Babylons 539 v. Chr. durch den Perserkönig Kyros II. Ab 538 v.Chr. dann Rückkehr vieler Juden, aber nicht aller.).

Es wurden Synagogen und Schulen eröffnet, um die Bevölkerung in der neuen Religion zu unterrichten. Der arabische Historiker al-Masudi schreibt: „Der König der Khasaren war schon zu der Zeit des Kalifats von Harun al-Raschid (786-809 n.Chr.) Jude geworden, und zu ihm waren Juden aus allen Ländern des Islam und aus dem Land der Griechen (Byzanz) gezogen.“ Für eine geraume Zeit hatten die Juden anderer Länder keine Kenntnis vom Übertritt der Khasaren zum Judentum, und als sie dann vage Gerüchte darüber erreichten, waren sie der Meinung, dass Khasarien von Überresten der verschollenen jüdischen Stämme bewohnt sei. Der Übertritt der Khasaren zum Judentum wurde vor allem aufgrund von drei Quellentexten in hebräischer Sprache aus dem 10. Jh. rekonstruiert: An erster Stelle stand dabei die Korrespondenz des spanischen Juden Ḥasday ibn Šaprut mit dem khasarischen Fürsten Josephaus der Zeit um 950 n.Chr.

Nach dem Übertritt von Khagan Bulan konnte nur noch ein Khasar jüdischen Glaubens den Thron des Reiches besteigen. Damit wurde das Khaganat faktisch eine Theokratie. Die religiösen Führer und Hohepriester waren nun gleichzeitig auch die zivilen Verwalter. Wie auch in Europa üblich, wurde für das khasarische Volk die Konfession des Herrschers zum Gesetz der Lebensführung. Der Talmud wurde im gesamten Khaganat zur Grundlage allen politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Handelns und lieferte das zivile und religiöse Gesetz. Bulans Nachfolger Obadiah festigte das Khaganat und die jüdische Religion. (Obadiah gab seinen Thron an seinen Sohn Hezekiah weiter, dieser seinen wiederum an seinen Sohn Manasseh, und Manasseh an Hanukkah, einen weiteren Sohn von Obadiah. Hannukah übergab seinen Thron an seinen Sohn Isaak, Isaak an seinen Sohn Moses (oder Manasseh II.), der wiederum an seinen Sohn Nisi und Nisi an seinen Sohn Aaron II.) Obadiah lud jüdische Gelehrte ein, in seinem Herrschaftsgebiet zu siedeln und gründete Synagogen und Schulen. Die Menschen wurden in Bibel, Mischna und Talmud unterrichtet sowie im Dienst der Hazzanim (Vorbeter). Eine Bekehrung größerer Gruppen der Bevölkerung, etwa unter Zwang, zum Judentum wurde von den khasarischen Machthabern nicht versucht. Vielmehr etablierten sie in Itil je zwei Richter für Juden, Christen und Muslime und einen für die „Heiden“, also die Anhänger der alten Religion. Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass ab Mitte des 9. Jahrhunderts die khasarischen Begräbnisse einen dezidiert jüdischen Charakter anzunehmen begannen. Grabbeigaben verschwanden fast vollständig. Die Begräbniskultur spricht dafür, dass die jüdische Religion um 950 n.Chr. in allen Klassen der khasarischen Gesellschaft verbreitet war. Im Jahre 1999 entdeckte man auf Gotland khasarische Silbermünzen, die die Aufschrift „Moses ist der Bote Gottes“ tragen. Diese Münzen sind in die Zeit um 837/838 n.Chr. zu datieren und dokumentieren gleichzeitig die große Bedeutung, die damals das Khasarenreich für den Handel zwischen dem Orient und Nordeuropa besaß.


Der Untergang des Khasarenreiches

Während seiner ganzen Geschichte war neben dem Pelz- auch der Sklavenhandel eine Hauptquelle der Einkünfte des Khaganats. Nach der Aussage des mittelalterlichen Reisenden Ibrahim ibn Jakub machten die Khasaren durch regelmäßige Überfälle auf die benachbarten, vorzugsweise slawischen Völker im Norden Kriegsgefangene, die sie als Sklaven auf der Seidenstraße verkauften. „[...] sie dehnten ihre Raubzüge aus und griffen unser Land Armenien an, besetzten viele Gebiete und Städte, und brachten Beute und Sklaven zurück in ihr Land“, berichtet auch der armenische Historiker Lewond. Daher fiel es dem Kiewer Fürsten Swjatoslaw nicht schwer, bei den unter den Khasaren leidenden Völkern genügend Freiwillige für einen Feldzug zu finden.

Am 3. Juli 964 n.Chr. schlug das Heer Swjatoslaws die vom Khagan persönlich geführte Armee des Khasarenreiches vernichtend. Itil, die Hauptstadt der Khasaren, wurde erstürmt und zerstört, dann folgten die Schlüsselfestungen Khasariens an der mittleren und unteren Wolga, im Nordkaukasus und am unteren Don. Heute befindet sich in der Nähe der historischen Stadt Itil die russische Großstadt Astrachan.

Swjatoslaws Feldzug gegen das Khasarische Khaganat war das Schlüsselereignis für den Aufstieg des im Jahre 855 n.Chr. durch die wikingischen Waräger (altisländisch: Vaeringjar) gegründeten Reiches der Kiewer Rus. Die Freiheit vom Tribut und von den erzwungenen Werbungen in das khasarische Heer, das Ende des Sklavenhandels in der Region und der Überfälle auf die slawischen Völker zwecks Ergreifung der Sklaven, markieren den Beginn des Aufstiegs Russlands und führten zur Vereinigung des Großteiles der ostslawischen Stämme in einem einheitlichen Staat. Durch diesen Krieg waren die Wege nach Osten geräumt, die Krim wurde russisch, viele frühere Vasallenstämme der Khasaren waren keine feindselige Sperre mehr nach Osten. Nach dem Zusammenbruch des Khaganats fielen die Khasaren unter die Völker, welche das Khasarenreich unter sich aufteilten. Ein Teil der Khasaren wanderte nach Ungarn und in die Sicherheit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aus, welches erst 2 Jahre zuvor, am 2. Februar 962 n.Chr., mit der Krönung Otto des Ersten durch Papst Johannes XII. in Rom gegründet worden war. Mitglieder der khasarischen Königsfamilie gingen vor allem nach Spanien. Die Emigranten bildeten auf ihrem Wege in den größeren deutschen Handelsstädten wie bspw. Frankfurt am Main jüdische Gemeinden (Judengasse), befördert durch den Umstand, dass sich hier bereits zuvor khasarische Pelzhändler, Radhaniten (Radaniya) genannt, niedergelassen hatten. Die strategische Schlüsselposition des Khasarenreiches mitten auf der Seidenstraße (auch Pelzstraße), ermöglichte es den Radhaniten ein Handelsnetz vom Atlantik über den Orient bis nach Ostasien zu beherrschen. Durch sie wurde Frankfurt im Mittelalter das Zentrum des Pelzhandels und blieb es bis ins 20.Jahrhundert. Der durch hohe Umsätze geprägte Pelzhandel bedingte den Handel mit Münzgeld und Wechseln. Die Geschichte des Finanzplatzes Frankfurt reicht bis in diese Zeit. Die aus dem Erbe der khasarischen Pelzhändler überkommenen „Schtreimel“ und „Spodik“ genannten Pelzmützen sind bis heute die traditionelle Kopfbedeckung der chassidischen Juden, der Spodik auch bei den mit den Khasaren ethnisch verwandten Kosaken (Kosakenmütze).


Schtreimel


Khasarische Sprache und Schrift

Als die Khasaren im 1. Jahrhundert n.Chr. in Osteuropa einfielen, war ihre Muttersprache vermutlich ein Tschuwaschdialekt des Türkischen ohne ein Alphabet oder eine geschriebene Form, der immer noch in der autonomen Tschuwaschischen Republik überlebt, die zwischen der Wolga und der Sura gelegen ist. Die Abstammung des ursprünglichen Namens „Khazar“ kam von der türkischen Wurzel „gaz“, das „wandern“ bedeutet oder auch einfach „Nomade“. Ableitungen davon sind im Russischen „Kosake“ und im Ungarischen „Husar“, die beide kriegerische Reiter bezeichnen. Ableitungen des Königs- und Priestertitels Khagan finden sich heute noch in den Familiennamen Kagan, Kahane, Cohen, Cohn, Kahn usw., wie auch der Name Beck vom khasarischen Bek herrührt.

Als Khagan Bulan im 8. Jh. konvertierte, verfügte er, dass von nun an die hebräischen Schriftzeichen, die er im Talmud und in anderen hebräischen Dokumenten sah, das Alphabet für die khasarische Sprache werde solle.

Die hebräischen Schriftzeichen wurden an die Phonetik der gesprochenen khasarischen Sprache angepasst. Die Khasaren übernahmen die Buchstaben des Hebräischen als Mittel, um eine schriftliche Aufzeichnung ihrer Reden zu bekommen. Nach der Eroberung Khasariens durch die Russen und dem Verschwinden des Khaganats entwickelten sich bei den khasarischen Migranten im Südwesten Deutschlands zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert die Grundlagen des khasarisch-alemannischen Idioms und die später als Jiddisch (Jüdisch) bezeichnete Sprache. (Das zweite „d“ in „Jiddish“ ist dem Englischen geschuldet. Es soll die englische Aussprache des „i“ als „ei [ʌɪ] “ verhindern.) Jiddisch wurde die wichtigste Gruppenverkehrssprache der europäischen (aschkenasischen, khasarischen, chassidischen) Juden in der Diaspora. Das Jiddische wurde nun ebenfalls mit hebräischen Schriftzeichen - von rechts nach links – geschrieben. Neben einigen Besonderheiten im Wortschatz unterscheidet sich das heutige Jiddisch vom modernen Deutsch vor allem durch einen anderen Ausbau der Grammatik sowie durch die von den slawischen Sprachen beeinflusste Syntax. Die Aussprache des Jiddischen wurde später ebenfalls stark durch die slawischen Sprachen beeinflusst.


Die khasarische Remigration nach Osten

Das Verhältnis der Frankfurter Christen zu den jüdischen Khasaren war zwiespältig, sie wurden gebraucht, aber sie waren unbeliebt. Teilweise betrug ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der Stadt rund 10%. Als Händler auf der Seidenstraße hatten sie sich auch auf den Geldverleih spezialisiert, deren Gebaren ihnen den Ruf als Wucherer eintrug. Die ersten großen Konflikte gab es 1241 und 1349, welche dazu führten, dass viele Familien in die jüdisch-khasarischen Siedlungsgebiete Osteuropas remigrierten, um Pogromen zu entgehen. Auf diese Weise kam der khasarisch-alemannische Dialekt als jiddische Sprache nach Osteuropa. Die Remigranten sammelten sich in eigenen, als Schtetl (Städchen) bezeichneten Orten, und identifizierten sich selbst als Angehörige „jiddischer Nationalität“; sahen sich selbst also eher als jiddisch statt russisch, polnisch, galizisch, litauisch, rumänisch, ungarisch oder als sonstige Völker, unter deren Fürsten sie lebten. Die ostjüdischen „Schtetl“ waren durch Armut und Enge gekennzeichnet. Die Juden lebten hier von der übrigen Welt völlig abgeschlossen (Ghetto) und verharrten in mittelalterlichen Lebensformen. Die Aufklärung und die Emanzipation der Juden in Westeuropa erreichten die Ostjuden nicht. Trotzdem blieb das Schtetl stets ein Ort jüdischen Zusammenhalts. Innigste Frömmigkeit gab auch dem ärmsten Juden Würde und machte das Schtetl zu einem ,,in Lumpen gehülltes Königreich des Geistes". Im Schtetl entstand so die Israel heute prägende jüdische Kultur und Religiosität (jüdische Orthodoxie). Um der erdrückenden Not und Enge zu entgehen suchten viele ihr Heil in der Auswanderung, Ende des 19.Jahrhunderts vor allem nach Amerika.


Aschkenasim und Sephardim

Juden khasarisch-europäischen Ursprungs werden als Aschkenasim bezeichnet, Juden orientalischen Ursprungs (überwiegend semitische Juden und Nachfahren der spanisch-portugiesischen Juden) als Sephardim. Im 10. Jahrhundert verwendeten die Juden das biblische Eponym Aschkenas als hebräische Bezeichnung für Deutschland. (s.a. Genesis 10,3).

Heute sind etwa 85 Prozent (10,2 Millionen) aller Juden Aschkenasim. Sie werden vor allem durch Chabad Lubawitsch vertreten, der heute mächtigsten jüdischen Bewegung, die von Rabbi Schneur Salman von Ljadi (1745–1812) im späten 18.Jahrhundert in Ljubawitschi, einem Dorf nahe Smolensk, gegründet wurde. Anhänger der Bewegung werden als Lubawitscher- oder Chabad-Chassidim bezeichnet. „Chabad, as well as all other chassidic groups, finds its roots in Eastern Europe, which was the home to much of Ashkenazic Jewry. As such, initially, most of Chabad’s adherents were of Ashkenazic origin.” (Chabad.org). Chabad hat aus der sephardischen Tradition vor allem die Kabbalistisk übernommen. „Chabad tradition was always Ashkenazic with a Sephardic twist.“ Chabad Lubawitsch ist mit seinen Institutionen und Emissären (Schluchim) in rund 70 Ländern vertreten und wirkt dort in Politik, Medien und Wirtschaft. Heute gibt es circa 4.000 Gesandtenfamilien, welche die Chabad-Philosophie in mehr als 3.300 Institutionen mit rund 200.000 Mitarbeitern zur Wohlfahrt des Judentums vertreten (s.a. chabad.org).

Der Name Sephardim ist abgeleitet von der biblischen Stadt Sefarad, in der sich die „Verbannten Jerusalems” befunden haben sollen und die in der mittelalterlichen Bibelexegese mit der Iberischen Halbinsel identifiziert wurde. Es gibt weltweit etwa 700 000 Sephardim, deutlich weniger als Aschkenasim. Man bezeichnet auch jene Juden als Sephardim, deren Vorfahren aus Nordafrika oder aus dem Nahen Osten stammen bzw. Arabisch, Persisch oder eine Variante des Aramäischen sprechen und sephardische Traditionen übernommen haben.

Der Grund für die Minorität der orientalisch-semitischen Juden ist noch immer im Großen Jüdischen Krieg zu suchen. Dieser Krieg, gegen die Römer unter dem Heerführer Titus, begann im Jahr 66 n. Chr. in Judäa, ausgelöst durch staatliche und religiöse Konflikte. Er hatte seinen Höhepunkt im Jahr 70, mit der Eroberung Jerusalems, der Zerstörung des zweiten Tempels und der Vernichtung der jüdischen Geschlechtsregister. Diese waren wichtig, um die Stammes- und Familienzugehörigkeit festzustellen. Außerdem waren sie für Landverteilungen und Erbangelegenheiten nötig. Von besonderer Bedeutung waren die Geschlechtsregister für die Bestimmung der Abstammungslinie des verheißenen Messias, da dieser aus dem Stamm Juda und der Nachkommenschaft Davids kommen musste (Johannes 7:42).

Der Krieg endete erst im Jahr 74 mit dem Fall der jüdischen Festung Masada am Südwestende des Toten Meeres. Die Belagerung der Festung dauerte einige Monate. Der jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus berichtet, dass die Belagerten unter Führung von Eleazar ben-Ya'ir, als die Lage aussichtslos wurde, beschlossen, lieber als freie Menschen zu sterben, als den Römern in die Hände zu fallen: „Ein ruhmvoller Tod ist besser als ein Leben im Elend.“ Per Los bestimmten sie einige Männer, die wechselseitig den Rest der Gruppe und anschließend sich selbst töten sollten. Als die römischen Soldaten die Festung stürmten, erwartete sie nur Totenstille: 960 Männer, Frauen und Kinder hatten sich getötet. Nur zwei Frauen und fünf Kinder hatten sich verborgen gehalten und konnten berichten was geschehen war. Die Römer „bewunderten den Mut ihrer Entscheidung“. Die Tat machte Masada bis heute zum Symbol des jüdischen Freiheitswillens. Religionsgeschichtlich gilt der Fall der Festung als schicksalhaftes Finale des „Ersten Bundes“.

Im Jüdischen Krieg ließen ca. 1,1 Millionen Juden ihr Leben. Weitere 97.000 wurden in die Sklaverei verschleppt, vor allem Frauen und Kinder, da die Männer überwiegend Kriegshandlungen zum Opfer gefallen waren. Wegen des Überangebots auf den Sklavenmärkten brachen die Preise ein. Durch den massenhaften Verkauf der Kriegsbeute fiel der Goldpreis in der römischen Provinz Syrien um die Hälfte. Um das Judentum trotz der verheerenden Verluste an Menschenleben, vor allem dem der im Kampf gefallenen Männer, zu bewahren, wird seit dieser Zeit die jüdische Identität traditionell (gemäß Halacha) über die Mütter an ihre Kinder weitergegeben.


Israel und Europa

Eine im Wissenschaftsblatt „Genome Biology and Evolution“ 2012 veröffentlichte Studie bekräftigt die in der sogenannten „Khasaren-Hypothese“ formulierte Annahme, das Genom der jüdischen Bevölkerung Osteuropas setze sich aus kaukasischen, europäischen und semitischen Anteilen zusammen.

Israel, als erster, parlamentarisch und demokratisch verfasster Staat im Nahen Osten, ist eine Gründung überwiegend osteuropäischer Juden, welche erst über die zionistische Bewegung und dann im Ergebnis der Judenverfolgung in Europa und des zweiten Weltkrieges nach Palästina kamen. Das europäische Judentum ist wesentlich auch das Ergebnis der Standhaftigkeit, des Beharrungsvermögens und des Eigensinns des khasarischen Volkes über 1000 Jahre Assimilierungsdruck und Verfolgung. Ohne den Willen der khasarischen Juden zu Bewahrung ihrer Religion hätte das Judentum im Reigen der großen monotheistischen Religionen heute nicht den Stellenwert den es hat. Nach der Katastrophe des Jüdischen Krieges (66 – 74 n.Chr.) für das jüdische Volk hätten es die orientalischen Juden allein schwer gehabt, den jüdischen Glauben in der Weise bis in die Gegenwart zu tragen, wie wir ihn heute vorfinden.

Die Einzigartigkeit des Khasarenreiches als einem mittelalterlichen Großstaat mit jüdischer Religion, macht seine Instrumentalisierung für verschiedene totalitäre Ideologien, politische Interessen und religiöse Eiferer interessant. Leider verstellt das oft den objektiven Blick auf eine der spannendsten Episoden der mittelalterlichen Geschichte Europas.

Mit der von dem Architekten Sir Norman Foster seit 1997 geschaffenen kasachischen Hauptstadt Astana schaffen sich die Khasaren heute im ursprünglichen Raum ihren spirituellen und politischen Platz im strategischen Zentrum des künftigen eurasischen Herzlandes (Neue Seidenstraße). Der Name Astana (1998) bedeutet im khasachischen nicht wie vielfach behauptet „Hauptstadt“, bestenfalls in dem Sinne, alsdass Hauptstadt auf khasachisch „капитал“ (Kapital) heißt und auf die künftige Welthauptstadt des „khasarischen Kapitals“ verweist. Darauf, dass es sich bei der Wortschöpfung AstANA um ein ANAgramm handelt verweist die zweite Silbe. Als Anagramm (von griechisch ἀναγράφειν ‚umschreiben') wird eine Buchstabenfolge bezeichnet, die aus einer anderen Buchstabenfolge allein durch Umstellung der Buchstaben gebildet wurde - eine häufige kabbalistische Verschlüsselung. Bei Astana ist die Umstellung simpel und beschränkt sich auf die ersten Buchstaben, da die letzten schon den Verweis bilden. Astana ist gebaute alttestamentarische (Jachin und Boas) und kabbalistische (Pyramide) Symbolik. Mit der Syrienkonferenz im Januar 2017 rückte die Stadt erstmalig ins Zentrum der Geopolitik.

Quellen: Wikipedia, Welt.de, Chabad.org, Israel Heute, Jüdische Allgemeine, Judentum-Projekt.de, Alemannia Judaica, jewishvirtuallibrary.org, uvm.

Dieser Aufsatz ist unvollständig, lehnt sich an den Forschungsstand an und soll als Anregung zu vertiefender Recherche dienen. Stichworte dazu finden sich in diesem Text.


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